Die Krankheit mit den 1000 Gesichtern

Es beginnt mit einem Kribbeln in den Beinen. Oder einem Taubheitsgefühl in der Hand. Oder einer Sehstörung. Wie bei Gisela Greitschik aus Erlensee. Sie wacht morgens auf und ist plötzlich auf dem rechten Auge blind. Ihr Weg führt sie zum Augenarzt, der verweist sie zum Neurologen. Nach vielen Untersuchungen schließlich die Diagnose: Multiple Sklerose. Was das für ihren Alltag bedeutet und wie sie mit der Krankheit lebt, erzählte Gisela Greitschik gemeinsam mit ihrer Teamleiterkollegin Sabine Ballmeier von der MS-Selbsthilfegruppe „Schmetterlinge“ im Gespräch mit der heimischen Bundestagsabgeordneten Dr. Katja Leikert.

MS, die Krankheit mit den tausend Gesichtern, ist eine noch nicht heilbare, mittlerweile in vielen Fällen aber therapierbare, chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems. Oft wird die Krankheit im jungen Erwachsenenalter diagnostiziert, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der Verlauf der Krankheit ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Von leichten Behinderungen, Sehstörungen oder Spastiken, die sich nach einem akuten Schub auch zurückbilden können, bis hin zu einer vollständigen Lähmung ist alles möglich.

Gisela Greitschik lebt seit vielen Jahren mit der Krankheit. Auf den ersten Blick ist ihr nicht anzumerken, dass sie nicht gesund ist – wären da nicht die Sensibilitätsstörungen in den Fingern und die bleierne Müdigkeit, in der Expertensprache als „Fatigue-Syndrom“ bekannt, die sie regelmäßig überfällt. Ihren Beruf hat sie vor einigen Jahren aufgeben müssen, ebenso wie Sabine Ballmeier aus Rodenbach, bei der die ersten Symptome vor 28 Jahren nach der Entbindung ihres Kindes auftraten. Sie ist mittlerweile auf den Rollator angewiesen, auch das Autofahren geht nicht mehr.

Ihre Lebensfreude haben die beiden Frauen, die gemeinsam die MS-Selbsthilfegruppe „Schmetterlinge“ leiten, dennoch nicht verloren. Rund 20 Betroffene aus Erlensee, Langenselbold und Umgebung haben sich in der Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen. Zweimal im Monat treffen sich die Teilnehmer in ihrem Domizil, dem Wintergarten der Selbsthilfe Körperbehinderter, in Erlensee. Dann stehen Spielenachmittage, Gedächtnistraining oder Bewegungsangebote auf dem Programm. Außerdem gehen die Mitglieder und ihre Angehörigen gemeinsam essen oder unternehmen Ausflüge ins Theater, ins Museum oder in den Zoo. Und natürlich wird viel miteinander gesprochen. Der gegenseitige Austausch – untereinander, aber auch mit Fachärzten, die die Gruppe regelmäßig besuchen – ist allen besonders wichtig. Auf Lehrgängen der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) informiert sich das Leitungsteam fortlaufend über aktuelle Entwicklungen zum Thema MS. Gerade in Sachen Medikation habe sich in den vergangenen Jahren viel getan, berichten Greitschik und Ballmeier Katja Leikert, die in der vergangenen Legislaturperiode Mitglied des Gesundheitsausschusses war, und der das Thema noch immer sehr am Herzen liegt.

Mit der ärztlichen Versorgungssituation im Bereich Hanau/Gelnhausen sind Gisela Greitschick und Sabine Ballmeier nach eigener Aussage recht zufrieden, lediglich die Wartezeit bei den Fachärzten sei teilweise sehr lange. Außerdem bemängeln sie die nicht-barrierefreie Ausstattung zahlreicher Arztpraxen in der Region. Das Beispiel eines Patienten im Rollstuhl, der sich beim Augenarzt nicht umsetzen kann, sei leider kein Einzelfall. „Das ist in der Tat ein Unding und betrifft ja nicht nur behinderte Menschen, sondern auch Mütter mit Kinderwägen“, pflichtete Katja Leikert den beiden Damen bei. Sie versprach, immer ein offenes Ohr für die Belange der Gruppe zu haben und die Anregungen mit in die politische Diskussion nach Berlin zu nehmen. Wenn es konkreten Verbesserungsbedarf vor Ort gebe, sei sie für Hinweise stets dankbar, betonte die Bundestagsabgeordnete.

 

 

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