Kolumne in den Gelnhäuser Nachrichten vom 27. Juni 2020

Arbeiten wann und wo man will? Nicht erst seit Corona hat die Diskussion um das Arbeiten von Zuhause an Fahrt aufgenommen: „Mobile Arbeit wollen wir fördern und erleichtern“ – so steht es im Koalitionsvertrag der GroKo in Berlin. Ein formales „Recht auf Homeoffice“ geht allerdings an der Wirklichkeit vorbei, schon allein, weil es Berufe gibt – denken wir an den Automechaniker, die Pflegekraft oder Erzieherinnen –  wo das schlichtweg nicht möglich ist. Die Schaffung einer Zweiklassengesellschaft ist daher der falsche Weg. Richtig ist aber, dass wir flexible Arbeitsmodelle dort ermöglichen sollten, wo es geht.

Ob man gerne zuhause arbeitet oder lieber ins Büro fährt, ist Geschmackssache. Einerseits ist es einfacher, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen, wenn Mama oder Papa nicht weit weg im Büro, sondern ein Zimmer weiter sitzen. Andererseits kann sich die ständige Erreichbarkeit negativ auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken. Und fällt die Betreuung der Kinder in Kita oder Schule weg, wird es schwierig, Homeschooling, Haushalt und Video-Calls mit den Kollegen gleichzeitig zu meistern.

Die Vorteile aber liegen dennoch auf der Hand: Statt im Stau zu stehen, kann die Zeit sinnvoller und stressfreier für Job und Familie genutzt werden. Das schafft Freiräume, entlastet den Nahverkehr und schont die Umwelt. Voraussetzung für das Arbeiten aus dem Homeoffice sind die passende Infrastruktur – schnelles Internet, technisches Equipment etc. – aber auch die Klärung rechtlicher Fragen, z.B. in Sachen Arbeits- und Versicherungsschutz. Nicht zu vergessen die beiden vielleicht wichtigsten Zutaten: Gegenseitiges Vertrauen und Lust auf mehr Eigenverantwortung.

Auch für die politische Arbeit birgt der neue Arbeitsmodus Chancen: Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass die Digitalisierung neuen Schwung in politische Prozesse bringt – und zwar auf allen Ebenen.  Ob Stadtverbandssitzungen via Telefonkonferenz, Fraktionssitzungen im Deutschen Bundestag per Videocall, interaktive Formate bei Facebook und Instagram oder international besetzte Diskussionsrunden im virtuellen Raum, statt auf Podien in Berlin oder Brüssel – all das geht plötzlich, und es geht überwiegend gut.

Mit Hilfe neuer digitaler Formate kann es uns gelingen, Menschen für politisches Engagement zu begeistern, die sich bislang aufgrund des (zeitlichen) Aufwands nicht aktiv in Partei- oder Projektarbeit eingebracht haben. Gerade für engagierte Mütter und Väter birgt die politische Arbeit 2.0 große Chancen, wenn sich ein erfülltes Familienleben und politisches Engagement plötzlich nicht mehr ausschließen.

Neben allen technischen Grundlagen braucht es dafür aber vor allen Dingen auch einen gesellschaftlichen und mentalen Wandel: Weg vom Präsenzgedanken, hin zu neuen, inklusiven Formen der (Online-)Zusammenarbeit. Dabei geht es natürlich nicht darum, das persönliche Gespräch oder die direkte Debatte komplett zu ersetzen. Auf die richtige Mischung kommt es an.

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